Die Angst inmitten der Achterbahn der Gefühle

Keine zwei Wochen und eine Achterbahn der Gefühle später sind “wir” nun doch ausgeschieden. Nach frischem, frechen Spiel gegen England mit einer Portion Dusel und einer Kostprobe von überirdischem Fußball gegen das Team Maradonas nun die harte Bauchlandung gegen Spanien.
Und wie lauten die Erklärungen für diese unerwartete Pleite der Mannschaft, die doch schon vorzeitig weltweit das Recht auf den WM-Titel zugesprochen bekommen hatte? Man habe “mutlos” gespielt. Wie ist das zu erklären, dass unsere Jungstars es doch wieder mit der Angst zu tun bekamen?

Eigentlich ist das Muster ganz einfach zu erkennen: immer wenn es mehr zu verlieren als zu gewinnen gab, hatten sie Angst. Das war nach dem grandiosen Start in der Vorrunde der Fall, der nicht mehr zu toppen schien. Und jetzt wieder, als nach famosen Auftritten in Achtel- und Viertelfinale das Endspiel schon so gut wie sicher schien, aber das Halbfinale leider noch nicht ausgetragen war. Sowas macht Angst. Es gibt nichts mehr zu gewinnen, weil der Sieg ja schon eingeplant ist. Aber er kann noch verspielt werden. Womit wir wieder bei der Frage wären: wohin mit der Angst?

Was mich beim Fußball unter anderem so fasziniert, ist, wie er uns Projektionsflächen für den Umgang mit unseren Gefühlen und unseren Strategien der Lebensbewältigung anbietet. Die Identifikationsmöglichkeiten sind scheinen weltweit wirksam. Und der Jubel in dem einen Land korrespondiert notwendigerweise mit der Trauer im anderen. Tragische Helden wie der ghanaische Stürmer Gyan, der die Hoffnungen eines ganzen Kontinents in buchstäblicher letzter Sekunde an die Latte donnert, sie spiegeln uns unser urmenschliches Drama, das sich zwischen Gelingen und Scheitern immer wieder neu aufspannt, und das im Flachland verödet, wenn alles seinen abgesicherten voraussehbaren Lauf nimmt.

Aber der Preis der Unvorhersehbarkeit des Fußballs ist – Ungewissheit. Und wenn wir diese nicht voll und ganz begrüßen – und wer mit ein bißchen Leidenschaft im Herzen kann das schon, wenn die eigenen Helden auf den Platz laufen? – dann ist der Preis die Angst. Und wieder einmal mussten wir Zeuge werden, wie unser Team spielte als hätten sei Blei in den Adern, wo Tage zuvor noch Champagner sprudelte.

Indem wir unsere Angst verleugnen oder mit plumpem positiv Denken zu entsorgen trachten, kehrt sie oft im ungünstigsten Moment zurück. Das ist das menschliche Drama, das uns Lahm & Co vorspielen. Ich empfinde große Dankbarkeit und Zuneigung dafür, das miterleben zu dürfen. Und ich plädiere dafür, der Angst Würdigung zuteil werden zu lassen, und ich bin neugierig, welche Wirkung das auf den Fußball haben könnte. Für die Trauer haben unsere Jungs das schon weitgehend geschafft. Lahm scheut sich nicht, mit Tränen in den Augen und gebrochener Stimme ein Interview zu geben und zu seiner Trauer zu stehen. Das berührt mich.

Ich erlebe zuweilen, wie es in meinem Leben wirkt, wenn ich meine Angst soweit umarme, dass sie mich nicht mehr blockiert, sondern mich wieder frei gibt für mein eigentliches Spiel, genannt mein Leben.

Und was meinen Sie, wenn ich Sie frage: wohin mit der Angst? Trauen Sie sich zu antworten? Oder lieber nicht?

In jedem Fall grüße ich Sie herzlich

Saleem Matthias Riek